SYNTHESE

Als die Raupe dachte, ihre Welt sei zu Ende, wurde sie zum Schmetterling

Die roten Schuhe

Auf dieser Seite findest du Themen über Abhängigkeiten mit dem Fokus auf  Beziehungs-, Arbeits- und Medien-Abhängigkeit.


m-pyramide

 

 

 

Jede Sucht ist der zum scheitern verurteilte Versuch ein Grundbedürfnis mit einem unpassenden Ersatz zu stillen bzw. nicht die Angst zu spühren, die durch nicht Erfüllung des Grundbedürfnisses entstanden ist.

 

 

 

 

 

Die roten Schuhe

Dieser Geschichte – wie Dr. Clarisa Pinkolla Esstes in ihrem Buch „Die Wolfsfrau“ beschreibt – eignet sich wunderbar sowohl die Äthiologie und den Verlauf als auch die Wege zur Genesung von Abhängigkeiten zu verdeutlichen.


Es war ein mal ein armes Waisenkind, dass in Lumpen und barfuß durch die Welt ging, weil es noch nicht mal Schuhe besaß. Mit der Zeit jedoch sammelte die Weise ein paar rote Fetzen und nähte sie daraus, so gut sie konnte, ein Paar Schuhe. Die roten Schuhe gefielen dem Mädchen ausnehmend gut, obwohl sie sehr grob geschustert waren. Ja, sie kam sich sogar irgendwie reich vor, wenn sie in ihren roten Schuhen bis tief in die Nascht hinein zum Beerensammeln in den Dornenwald ging.

Eines Tages wanderte das zerlumpte Mädchen in ihren roten Schuhen die Straße entlang, als eine goldglänzende Kutsche neben ihr hielt. In der Kutsche saß eine alte Frau, die dem Mädchen versprach es wie ihre eigene Tochter zu behandeln, wenn sie mit ihr kommen und sie nach Hause begleiten würde. Gesagt, getan. Im Haus der alten Dame wurde das Mädchen gebadet und gekämmt, in reinweise Unterwäsche gekleidet und mit einem Kleid aus guter Wolle beschenkt. Außerdem bekamm es weise Strumpfhose und schwarze Lackschuhe. Als das Mädchen nach seinen heißgeliebten roten Schuhen fragte, erklärte die Alte Frau, dass die Schuhe so schmutzig und lächerlich gewesen sein, dass sie Nichts anders gekonnt hätte, als sie mitsamt den alten Lumpen im Kamin zu verbrennen, wo nur die Asche von ihnen übrig war.

Das Mädchen war sehr, sehr traurig, als es hörte, denn die roten Schuhe, die es mit eigenen Händen gemacht hatte, waren ihm trotz all des Reichtums ringsumher das Liebste auf der ganzen Welt gewesen. Jetzt musste es den ganzen Tag lang stillsitzen oder gemäßen spazieerengehen, ohne zu hüpfen, und nur dann sprechen, wenn es etwas gefragt wurde. So wuchs ein heimliches Feuer im Herzen des Mädchens heran, und seine Sehnsucht nach den alten roten Schuhen wurde nicht geringer, sondern immer, immer größer.

Es kamm die Zeit, da das Mädchen alt genug für ihre Konfirmation war, und die alte Frau brachte das Mädchen zu dem alten, verkrüppelten Schumacher der Stadt, denn für dieses Fest wurde ein neues Paar Schuhe gebraucht. Auf einem Regal hinter dem Tresen stand bereits ein fertiges Paar in der richtigen Größe. Es war aus feinstem, leuchtendrotem Leder, viel zu rot für die Kirche, aber das Herz des Mädchens begann zu hüpfen, als es die Schuhe sah. Die alte Frau war Farbenblind und konnte ohnehin nicht mehr viel sehen, und so bezahlte die Schuhe nachdem das Mädchen sie ausprobiert hatte. Der Schumacher zwinkerte dem Mädchen zu und wickelte die Schuhe in unauffälliges Papier ein.

Am nächsten Tag gien das Mädchen in seinen neuen Schuhen zur Kirche, um sich konfirmieren zu lassen. Die Orgel spielte, die Kirchenchor sang, der Priester predigte, aber die ganze Gemeinde starrte nur auf die roten glänzenden, feurig leuchtenden Schuhe an den frechen, kleinen Füßen. Selbst die Heiligenbildern an den Wänden und die Statuen hinter dem Altar schienen mit unheilvoll dräuenden Bildern auf das Schuhwerk des Kindes zu starren. Aber dem Mädchen gefielen sie deshalb mur umso besser. Während alle anderen beteten, drehte sie ihre Füße hin und her und dachte, dass es kaum etwas Schöneres auf der Welt geben konnte als diese roten Schuhe.

Am Abend desselben Tages hatte die alte Frau von allen Seiten zu hören bekommen, was die gemeinde über die roten Schuhe ihres Schützlings dachte. „Dass du mir diesen schändlichen Schuhen, nur ja nie wieder anziehst!“ schimpfte die alte Frau. Aber am nächsten Sonntag konnte sich das Mädchen nicht helfen, als es vor der Wahl zwischen den roten und den schwarzen Schuhen stand, und wieder zog es die roten Schuhen an und ging mit der farbenblinden Greisin zur Kirche.

Am Kircheneingang stand ein Soldat mir einem Arm in der Schlinge. Er trug eine kurze Jacke und hatte einen roten Bart. Der Soldat machte einen artigen Bückling und bat um Erlaubnis, den Staub aus den Schuhen des Mädchens wischen zu dürfen. Das Mädchen streckte einen Fuß vor, und er klopfte auf die Sohle ihren linken Schuhs, dann die Sohle ihren rechten Schuhs, so dass es ihre Füße mächtig kritzelte. „Behalte sie an, bis der Tanz beginnt“, raunte er und zuwinkte dem Mädchen lustig zu.

Wieder zogen die roten Schuhe die Entrüstung der ganzen Gemeinde auf sich, aber das Mädchen war so verliebt in das Granatapfelrot, dass es kaum bemerkte und auch kaum Etwas von der Predigt hörte, sondern nur bewundernd auf ihr Schuhwerk blickte und ihre Füße unter der Kirchenbank mal hier, mal dort drehte.

Beim Verlassen der Kirche der Kirche rief der Soldat mit dem kranken Arm hinter ihr her: „Oh, was für schöne Tanzschuhe du an den Füßen hast!“ Bei diesen Worten drehte das Mädchen unversehens eine kleine Pirouette, und danach konnten ihre Füße nicht mehr aufhören, sich um- und umzudrehen. Sie tanzten an den Portalen der Kirche vorbei und mitten durch das Blumenbett. Sie hüpften und steppten und wälzten mit ihr über den Friedhof, die Felder und Wiesen davon.

Der Kutscher der alten Dame sprang von seinen Sitz und rannte hinter der Tanzenden her. Er hob sie auf und trug sie zu der Kutsche zurück, aber die Füße des Mädchens in ihren roten Schuhen tanzten immer weiter in die Luft. Der Kutscher zog an den Schuhen, und die empörte alte Dame zerrte, während das Mädchen, wie eine Besessene strampelte, und so gelang es ihnen endlich die Füße des Kindes zu beruhigen.

Zu Hause angekommen stellte die alte Frau die roten Schuhe auf ein hohes Huttfach im Schrank und verbot dem Mädchen noch ein einziges Mal anzurühren. Aber das Mädchen blickte immer wieder verlangend zu ihnen auf und sehnte sich danach, sie über ihre Füße zu streifen, denn sie waren noch immer das Schönste und Liebste, was sie Hatte.

Schon bald darauf wurde die alte Dame bettlägerig, und einmal, als alle Ärzte das Haus verlassen hatten, trug das Mädchen einen Hocker zu dem Schrank, kletterte darauf und ergriff die roten Schuhe. Es konnte der Versuchung nicht, sie überzustreifen. „Was kann es schaden“, dachte die Weise bei sich. Aber kaum, dass sie die Schuhe an den Füßen hatte, konnte sie nicht mehr aufhören zu tanzen.

Zu Tür hinaus und die Treppe hinunter tanzen die Schuhe mit ihr, in einem schwindelerregenden Wirbel. Das Mädchen war berauscht und dachte sich erst nicht viel dabei, nur als sie schon auf der Dorfstraße war und sich nach links wenden wollte, die Schuhe aber mit ihr nach rechts tanzten, wurden sie ihr unheimlich. Sie wollte umkehren, aber die Schuhe tanzten geradeaus davon, über den schlammigen Feldweg fort und in den dunklen Wald hinein.

Dort wirbelten sie ab dem Soldaten mit dem roten Bart, seinen kurzen Jacke und seinem Arm i die Schlinge vorbei. Er stand gegen einen Baumstamm gelehnt im Wals und sagte: „Ja, schau nur, was die schönen Tanzschuhe alles treiben.“ Angstvoll versuchte das Mädchen, sich die Schuhe abzustreifen. Sie hopfte auf einem Bein und zerrte am Schuh des freien Fußes, aber beide Füße mussten die Schritte eines unbekannten Tanzes vollführen und waren nicht mehr von den Füßen zu lösen.

Und so tanzte die Arme durch Wald und Flur, über Berge und Tal, durch Regen, Schnee und Sonnenschein. Sie tanzte in der Finsternis der Nacht und noch immer am Morgen, wenn die Sonne sich über den Horizont erhob. Sie kannte keine Ruhepause.

Sie tanzte in einen Kirchhof hinein, aber dort stellte sich ihr ein Geist in den Weg und verwehrte ihr den Einlass. Der Geist verfluchte sie mit den Worten: „Du solltest in den roten Schuhen tanzen, bis deine Haut in Fetzen von den müden Knochen hängt, bis nichts mehr von dir übrig ist, nur deine tanzenden Innereien. Als Gespenst sollst du von Tür zu Tür tanzen, durch alle Dörfer und an jede Tür dreimal klopfen. Aber wenn die Bewohner dich erblicken, werden sie mit Grauen von einem Schicksal wie deinem ihre Türen vor dir verschließen. So soll es und so muss es sein. Und nun fort mit euch, ihr roten Schuhe, tanzt, tanzt, tanzt!“

Das Mädchen flehte um Erbarmen, aber die Schuhe trugen sie fort und ihre Worte verflogen im Wind. Sie musste tanzen wohin die Schuhe sie trugen, weiter, weiter, durch Büche und Flüsse, über Dornenecken und Zäune hinweg. So kam sie an ihrem einstmaligen Heim vorbei und sah eine Trauergemeinde im Garten versammelt. Die alte Frau, die sich ihrer angenommen hatte, war gestorben. Dennoch tanzte das Mädchen weiter, denn es konnte nicht stehenbleiben, und in abgrundtiefe Erschöpfung tanzte sie schließlich in die entlegene Ecke des Waldes hinein, wo der Scharfrichter der Gemeinde lebte. Der Axt an seiner Wand begann erwartungsvoll zu zittern, als die Mad in ihren roten Schuhen herbeigetanzt kam.

„Bitte schneide meine Schuhe ab, um mich von diesem Fluch zu befreien“, flehte die Arme, während die an der Tür des Scharfrichters vorbeitanzte. Mit seiner Axt durchtrennte er die Riemen, doch, die Schuhe blieben an ihren Füßen, und do flehte sie ihn in ihrer Verzweiflung an, ihr die Füße abzuhacken, damit die Qualen ein Ende haben, und der Scharfrichter tat wie gesagt. Da tanzten die Füße mitsamt den Füßen allein weiter durch den Wald und über Berg und Tal davon. Das Mädchen war nun heimatlos und hatte keine Füße mehr. Es musste sich fortan ein Armenbrot als Dienstmagd verdienen, aber es sehnte sich nicht mehr nach roten Schuhen.

 

 

 

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